Montag, 8. November 2010

[Auszug aus Synphon, 2. Buch]

Das, was sie in dem großen, schwarzen Tempel erwartet hatten, waren Gesänge und schrille Glocken, junge Tempelpriesterinnen und bunte Gemälde. Stattdessen erklang nur die sanfte Melodie eines Klaviers und erfüllte den Raum. Vermummte Gestalten standen vor großen, beschriebenen Tafeln, die nur schwer zu entziffern waren, und der Saal wurde durch ein großes Fenster mit Sonnenlicht durchflutet. Etwas irritiert stand die Gruppe in dem großen Eingangstor und betrat mit Herzklopfen die Glaskuppel. Einzelne Türen erkannten sie, die versteckt waren, in dem dicken Gemäuern, führten in kleinere Zimmer, die aber nicht öffentlich waren. Suchend sahen sie sich nach der Quelle des Klavieres um, doch fanden sie nichts, worauf man hätte spielen können. „Vielleicht kommt es aus einem der angrenzenden Zimmern …“ flüsterte Gina und Amira nickte zustimmend. Der Raum, in dem sie sich befanden, war so gewaltig, dass man sich lediglich traute, zu flüstern, aber ja nicht laut zu sprechen. Die vermummten Personen wirkten wie Tempelfrauen, waren aber nicht einschüchternd, sondern wie eine Zierde des großen Raumes. Überwältigt gingen sie getrennte Wege und fingen an, die großen Tafeln zu lesen, oder einer Frau zuzuhören, die ein paar Kindern gerade etwas erzählte. Das Klavier begleitete sie bei jedem ihrer Schritte und zwang sie so auf eine unsichtbare Linie, eine Schrittfolge, die sie ungeahnt befolgten und schließlich in einer Schleife wiederholten.

Mittwoch, 3. November 2010

Viertelstunde vor Beginn des Lebens

Viertelstunde vor Beginn des Lebens



Ich hörte wie er weinte. Er hatte ihn betrogen. Wieder. Es war schon so oft passiert. Und immer wieder hatte er ihm verzogen. Und jedesmal betrank er sich, wenn er es erfuhr, schwor sich, ihm nie zu verzeihen und weinte. Wie immer. Und immer wieder versicherte er mir, dass er ihn diesmal in den Wind schießen würde, dass er jemand neues fände, jemand besseren, der ihn nicht immer wieder mit immer wieder mit der Selben betrügen würde. Doch nie wurde etwas daraus. Am nächsten Tag kam er zu ihm, versicherte, dass er seine wahre Liebe sei und alles war vergessen. Immer wieder.

Es war bereits das 6te mal.

Ich saß an der Theke, rauchte eine Zigarette und hatte meine hohen Schuhe achtlos auf den Boden geworfen, da mir meine Füße von dem vielem Tanzen weh taten. Ein Glas Martini stand vor mir, halb leergetrunken, doch die Olive war noch im Glas. Ich kaute auf dem Spießchen herum und schaute immer wieder zu seinem Zimmer hinüber. Die Tür war angelehnt. Ich konnte mir vorstellen, wie er jetzt da saß, auf seinem Bett, den Kopf in den Händen und weinend. Das Weinglas verschüttet und der Teppich rot verfärbt, doch man würde den Fleck nicht sehen. Im Zimmer war kein Licht an, nur das Mondlicht fiel ins Zimmer. Fotos lagen zerstreut im Zimmer, manche zerrissen, manche heil. Der Ring, den er ihm als Verlobungsgeschenk schenken wollte, lag in seiner Hand, getroffen von Tränen.

Meine Strumpfhose nervte. Ich beschloss sie auszuziehen. Ein befreiendes Gefühl. Wieder ein Schluck Martini. Zum Glück war niemand sonst hier. Ich hätte bestimmt Ärger bekommen, dass ich die Sachen so achtlos auf den Boden warf. Ich überschlug meine Beine, geschmeidig schmiegten sie sich aneinander, ein angenehmes Gefühl. Der Alkohol von diesem Abend war nicht gut für mich. Ich trinke nicht. Nur heute. Ich nahm mein Glas in die Hand und ging zu unserer Balkontür. Die Nachbarschaft schlief schon, ein beruhigendes Gefühl. Doch das Weinen störte mich in meiner beruhigenden Nacht.

Ich ging zu ihm, verschränkte die Arme und lehnte mich an den Türrahmen, während ich in schweigend ansah, das Martini Glas in der Hand. Er hob den Kopf, er hatte wirklich so da gesessen, wie ich es mir gedacht hatte, und sah mich mit verquollenen Augen an. „Du trinkst?“ fragte er, „Das ist selten.“ „Wir waren aus. Es ging nicht anders.“ Er lächelte leicht, „Wer ist wir?“ Ich schwenkte das Glas, „Lucas und ich…“ „Ahh…“ er schien sich an den Mann erinnern zu können, „Der große Blonde, oder? Ich finde, ihr passt gut zu einander…“ Ich nahm einen Schluck, „Ahh, ich halte nichts von Lucas. Er ist gut zum Tanzen und um mir die Männer vom Hals zu halten, aber sonst… Naja.“ „Dann spielst du also mit ihm?“ fragte er mich und sah mich mit traurigen, blauen Augen an, „Das hat er nicht verdient, Joy“

Ich schüttelte leicht den Kopf und er lächelte wieder, sah aber furchtbar müde aus. „Hey….“ sagte er dann nach einer Weile und sah mich wieder an, „Kannst du mich mal in den Arm nehmen, Jesse-Joy?“ Er hob seine Arme und ich stellte mein Martiniglas auf dem kleinen Tischleich ab, ehe ich ihn umarmte. Er zog mich auf seinen Schoß, schmiegte sich an mich und seufzte tief. „Ich bin dir nicht böse, Jesse-Joy, nein… ich bin überhaupt nicht böse, auch nicht auf Dan, nein…“ murmelte er dann. Ich hatte also recht gehabt, doch ich schwieg. Ich wollte ihm jetzt nicht auch noch weh tun, in dem ich sagte, dass ich es schon immer gesagt hatte.

Ich strich ihm durch die Haare, so wie ich es immer tat, wenn es ihm schlecht ging. „Lucas ist ein netter Mann…“ „Nett für dich oder mich?“ Er lachte und schmiegte sein Gesicht in meine Halsbeuge, „Für dich natürlich, Jesse-Joy. Du musst endlich einen Mann finden, der dich glücklich macht!“ „Und wenn ich auch so glücklich bin?“ Er sah mich grimmig an, „Niemand ist glücklich, wenn er allein ist, Jesse-Joy, und du auch nicht!“ „Nur weil du nicht alleine glücklich sein kannst, heißt das nicht, dass ich es auch nicht sein kann!“ giftete ich ihn an, doch er schraubte sofort zurück, „Ist ja gut, Jesse-Joy, ist ja gut. Sei nicht sauer auf mich. Alle dürfen böse auf mich sein, aber nicht Jesse-Joy, das mag ich nicht!“ Er legte seine Arme um meine Hüften und zog mich enger an sich, „Nicht böse sein, ja?“ „Ist ja gut, ich bin nicht böse!“ Er legte den Kopf in den Nacken und sah mich direkt an, „Du solltest jemand ganz tolles haben, Jesse-Joy. Keinen Blödmann wie Dan, nicht so ein Blödmann. Nein, einen Gentleman, einen ehrlichen und zuvorkommenden Mann. „ „Mit einem dicken Geldbeutel!“ sagte ich, doch er biss mir neckisch in die Schulter, „Jesse-Joy, es kommt nicht aufs Geld an, willst du das denn nicht verstehen?“ Ich schloss hochnäsig die Augen, „Doch, mir schon!“ „Jesse-Joy…“ stöhnte er und lehnte den Kopf an meine Brust, „Wann wirst du nur endlich vernünftig?“ „Das gleiche könnte ich dich fragen…“ meckerte ich und sah aus dem Fenster. Dann sah ich auf das umgekippte Weinglas und musste grinsen.

„Was hat Dan gemacht?“ fragte ich nach einer Weile und er stöhnte genervt auf, ehe er sich fester an mich drückte, „Angelina! Angelina heißt sie!“ Er schnaubte, „Er bräuchte mal was anderes, hat er gesagt… tzz“ „Und wenn er recht hat?“ fragte ich ihn und er sah mich mit glasigen Augen an, „Womit?“ „Damit, das er mal was anderes brauchte… Du weißt schon, Brüste und so…“ Er schnaubte wieder, „Die hat er gefälligst nicht zu brauchen, wenn er mich hat, kapiert?“ Jetzt war er wütend, er zitterte leicht, „Und überhaupt! Angelina! Dan und Angelina! Das klingt doch überhaupt nicht! Danny und Dan, das klingt gut, aber doch nicht Dan und Angelina, tzz!“ Ich schwieg eine Weile und lies ihn zur Ruhe kommen, „Vielleicht wollte er einfach mal wieder etwas fühlen, was schwächer und zarter ist, als er?“ Er sah mich eine Weile an, ehe er sich neugierig aufsetzte, „Wie meinst du das?“ „Naja, eure Körper ähneln sich doch sehr. Und der von Mann und Frau sind grundverschieden… vielleicht spielt das eine Rolle. Das gäbe ihm zwar keine Ausrede, aber es wäre ein Teilaspekt, oder?“ Er sah mich verwirrt an, „Ich versteh nur Bahnhof…“ Dann wimmerte er und warf sich auf sein Bett, ehe er das Gesicht im Kissen versteckte. Ich massierte seine Schultern, „Ich habe dir immer gesagt…“ „Jaa, ich weiß, Jesse-Joy, ‚Dan ist ein Blödmann‘ hast du gesagt, jaja…“ „Und ich hatte Recht…“ Er schwieg eine Weile, ehe er sich wieder umdrehte, „Meinst du wirklich, Dan brauchte… etwas zartes?“ Ich zuckte mit den Schultern, „Ich bin nicht Dan, ich weiß es nicht…“ Er sah auf den Boden und schien zu überlegen, „Dann kann er vielleicht gar nichts dafür…“ Ich haute ihm auf die Wangen und er sah mich verdattert an, „So ein Blödsinn! Natürlich kann er was dafür! Es ist doch seine Entscheidung…“ „Aber…“ „Nichts aber! Dan ist und bleibt ein Arschloch!“ Er sah mich mit großen Augen an.



„Wahrscheinlich hast du Recht…“ Er ließ den Kopf hängen und lächelte traurig, ehe er seine Hände auf die Augen legte und erneut begann zu weinen. Ich setzte mich auf seine Beine, nahm seine Hände in meine und sah ihn für eine Weile an. Rote Ränder hatten sich unter seinen Augen gebildet und eine leichte Salz-spur lief über seine Wangen. Er sah schrecklich aus. Und dann war er wie ein Baby, das nach der Brust der Mutter suchte, nur dass mein Mund die Brust war. Zärtlich und doch kräftig zogen seine Arme meine Schoß plötzlich dichter an seinen, seine Brust spannte sich und seine Hände streiften mein Kleid ab. Unser Atem strich übereinander, aufgeheizt, obwohl es kühl war in dem Zimmer. Die Uhr tickte und man hörte nur unser Küssen. Es ging schnell, und es war keine Liebe dabei. Nur tiefe Zuneigung, Freundschaft, Leidenschaft, Verlangen. Kräftig stieß er zu, war aufgeladen von Wut und Trauer zugleich, doch tat es nicht weh und ich genoss das Gefühl, in seinem Armen versinken zu können. Wieder und wieder keuchten wir leicht auf, unsere Haut klebte aneinander und ich fühlte mich wie eine Knospe, die durch einen kräftigen Sonnenstrahl aufblühte, als ich meinen Höhepunkt erreicht hatte. Kurz nach mir hatte auch er seinen Moment, fing an heftig zu zittern, keuchte laut und brach dann auf mir zusammen. Ich wusste, dass er nicht an mich gedacht hatte, doch ich genoss das Gefühl, dass er erschöpft, nackt und hilflos auf mir lag. Zärtlich strichen seine Hände über meine Haut, ehe er den Kopf hob. „Verzeih mir…“ flüsterte er und küsste mich sanft, „Ich bin ein furchtbarer Mensch…“

Nach einer Weile stand ich auf und zog mich an, zumindest meine Wäsche, das Kleid würde ich eh nicht mehr anziehen wollen. Ich streckte mich ausgiebig und fing an, etwas Ordnung in dem Zimmer zu machen. Schließlich öffnete ich die Fenster und lies die kühle Morgenluft hinein. Von der Straße hörte man leichten Autoverkehr und geringen Trubel. Der Himmel hatte sich bläulich gefärbt. In 15 Minuten würde der erste Sonnenstrahl zu sehen sein. Ich drehte mich um und ging zu dem Bett, ehe ich lächelte, „Lust auf einen Morgenkaffee? Ich lad dich ein…“ Verschlafen drehte er mir den Kopf zu und grinste dann, „Auf deine Kosten gerne… aber mit viel Zucker. Wie früh ist es?“ Ich ging zu der Tür und sah mich um, das angenehm kühle Morgenlicht fiel durch die Fenster, „Eine Viertelstunde vor Beginn des Lebens…“